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Training repariert nicht, es schafft Sicherheit
Bei chronischen Rücken- und Gelenkbeschwerden hält sich hartnäckig die Vorstellung, Fehlstellungen, Verschleiß oder muskuläre Defizite müssten gezielt „repariert“ werden. Im Interview erläutert Sportwissenschaftler Bastian Maier, wie Training stattdessen Sicherheit vermitteln, belastende Überzeugungen verändern und neue Bewegungserfahrungen ermöglichen kann.
Warum hält sich das Reparaturdenken bei chronischen Rücken- und Gelenkbeschwerden so hartnäckig?
Das Problem ist, dass wir chronischen Schmerz eher als verlängerten Akutschmerz interpretieren und nach dem Grund für die Schmerzen auf die gleiche Weise suchen – also nach dem Bandscheibenvorfall, der schwachen Core-Muskulatur, der falschen Haltung oder dem verkürzten Hüftbeuger. Chronische Schmerzen sind jedoch komplex, eher als eigenes Krankheitsbild zu verstehen, und die genannten Faktoren korrelieren nur schwach oder gar nicht mit Schmerzen und Funktionsverlust.
Die Forschung zeigt eindeutig: Strukturelle Befunde wie Bandscheibenvorfälle oder Knorpelveränderungen korrelieren nur schwach mit Schmerzen und finden sich häufig auch bei beschwerdefreien Menschen. Psychologische, kognitive und weitere Faktoren können für das Schmerzerleben mindestens ebenso bedeutsam sein wie die rein körperliche Ebene.
Somit stehen wir letztlich vor dem Problem, ein einfaches, leicht verständliches, aber fehlerhaftes Modell durch ein komplexeres Modell zu ersetzen, um chronischen Schmerzen adäquat zu begegnen. Das fällt schwer, insbesondere vor dem Hintergrund, dass wir viele Fachkräfte mit langer Berufserfahrung auf den Trainingsflächen, in den Praxen und in den Bildungseinrichtungen haben. Sie hatten jahrzehntelang das alte Modell als Verständnisgrundlage. Ihnen fällt es, wie jedem Menschen, schwer, bisher Bekanntes als unvollständig und korrekturbedürftig zu begreifen und teilweise fundamental umzudenken.
Was verändert sich in der therapeutischen Arbeit, wenn Training nicht reparieren, sondern Sicherheit vermitteln soll?
Vor allem der Kontext des Trainings verändert sich, weniger die Übung selbst. Früher stand häufig die Frage im Mittelpunkt, welche Übung ein vermeintliches Defizit behebt. Heute geht es stärker darum, mit Bewegung Gewöhnungs- und Lernprozesse anzustoßen und das System schrittweise zu desensibilisieren.
Belastungen werden deshalb nicht allein danach ausgewählt, ob sie Muskeln kräftigen oder die Beweglichkeit verbessern. Entscheidend ist, ob die Patientinnen und Patienten sie als sicher und machbar erleben. Gleichzeitig braucht es ein angemessenes Maß an Konfrontation, damit neue Erfahrungen entstehen können.
Die Belastung wird dabei systematisch gesteigert, bleibt aber zunächst unterhalb der zuvor bestimmten Bedrohungsschwelle. Dieses Prinzip der „Graded Activity“ ermöglicht es, Vertrauen in Bewegung und Belastbarkeit zurückzugewinnen.
Welche konkrete Übung gewählt wird, ist häufig zweitrangig, solange der Aufbau einem nachvollziehbaren Prinzip folgt: vom Leichten zum Schweren, vom Bekannten zum Unbekannten und vom Einfachen zum Komplexen. Therapeutisch bedeutet das auch, weniger zu korrigieren und stärker zu bestätigen. Erfolgserlebnisse sollten bewusst wahrgenommen und positive Erwartungen gefördert werden.
Welche Rolle spielen Sprache, Beziehung und Erwartungen für den Therapieverlauf?
Professionelle Schmerzedukation kann Schmerzen ihre Bedrohlichkeit nehmen und den Betroffenen wieder ein Gefühl von Kontrolle vermitteln. Das schafft die Grundlage dafür, Bewegung neu zu bewerten.
Problematisch wird es, wenn Menschen vor allem vermittelt bekommen, ihr Körper sei fragil, verschlissen oder durch Belastung gefährdet. Solche Erklärungen können Angst verstärken und dazu führen, dass Bewegung als Bedrohung erlebt wird. Der Schmerz kann dadurch nicht trotz, sondern gerade wegen dieser Erklärung zunehmen. Dieser sogenannte Nocebo-Effekt ist für die aktive Therapie besonders hinderlich.
Die gegenteilige Botschaft ermöglicht neue Erfahrungen: Schmerz weist nicht automatisch auf einen Gewebeschaden hin, und der Körper kann Belastung schrittweise wieder erlernen. Bewegung wird dadurch zunehmend als Ressource statt als Gefahr erlebt.
Die therapeutische Beziehung trägt diese Botschaft. Fühlen sich Patientinnen und Patienten verstanden und sicher, kann dies auch auf kognitiver und psychologischer Ebene schmerzmodulierend wirken.
Kurz gesagt: Dieselbe Übung kann völlig unterschiedlich wirken – je nachdem, in welchem Kontext sie vermittelt und erlebt wird.
Der Vortrag „Systemische Beruhigung statt Reparatur von Defiziten“ findet am 06. November 2026 von 13:00 - 14:30 Uhr im Kongress der therapie HAMBURG statt. Für die Teilnahme ist ein Kongressticket erforderlich.