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Gehen trainieren, ohne ans Gehen zu denken
Hirsche füttern, Restaurantgäste bedienen, Zutaten sammeln: moovly® verpackt Gehtraining in spielerische Aufgaben in der virtuellen Welt. Die Kinder konzentrieren sich dabei auf die jeweilige Aufgabe, während das Gehen möglichst automatisiert erfolgt.
moovly® ist aus der klinischen Forschung heraus entstanden. Welches Problem im Gehtraining wollten Sie mit der Entwicklung ursprünglich lösen?
Unser Ziel war, alltagsrelevante Gangaktivitäten spielerisch in einer sicheren Therapieumgebung trainieren zu können. Im klassischen Gehtraining liegt der Fokus häufig stark auf einzelnen Funktionen, etwa darauf, zuerst die Ferse aufzusetzen oder das Knie zu strecken. Bei moovly® soll das Gehen möglichst automatisiert erfolgen, während sich die Kinder auf eine Aufgabe konzentrieren, so wie es auch im Alltag oft der Fall ist.
Sie füttern zum Beispiel einen Hirsch, bedienen Restaurantgäste oder sammeln Zutaten für einen Zaubertrank. Gleichzeitig wollten wir virtuelle Umgebungen schaffen, in denen sich die Kinder gern bewegen und die Klinikumgebung für einen Moment in den Hintergrund rückt.
Kinder, Eltern sowie Therapeutinnen und Therapeuten waren an der Entwicklung beteiligt. Was haben Sie durch diesen Austausch gelernt?
Vor allem, wie vielfältig die Herausforderungen im Alltag tatsächlich sind. Eine Tür hinter sich zu schließen kann schwierig sein, weil sich ein Kind auf engem Raum noch einmal drehen und gleichzeitig nach der Tür greifen muss. Ein Hund, der mitten im Zimmer liegt und mit dem Schwanz wedelt, wird plötzlich zum Hindernis. Und auf einer Treppe können andere Menschen zusätzlichen Stress auslösen, weil das Kind das Gefühl bekommt, schneller gehen zu müssen.
Überrascht hat uns außerdem, wie intuitiv sich die Kinder und Jugendlichen mit einer VR Brille bewegten. Ursprünglich hatten wir eine Mixed Reality Anwendung geplant, damit sie ihren eigenen Körper und die Umgebung weiterhin sehen. Die ersten Tests zeigten jedoch, dass sie auch in der vollständig virtuellen Welt gut zurechtkamen und dort deutlich mehr Spaß hatten. Das hat den weiteren Entwicklungsweg von moovly® mitbestimmt.
Von den Therapeutinnen und Therapeuten haben wir unter anderem viel darüber gelernt, welche Therapieziele die Anwendung abdecken und wie einfach sie sich im Klinikalltag bedienen lassen muss.
Wo sehen Sie die Stärke von VR im Gehtraining und wo bleibt die klassische Therapie unverzichtbar?
VR ermöglicht es, alltagsnahe Situationen spielerisch und gleichzeitig gezielt zu trainieren. Die Kinder konzentrieren sich auf eine Aufgabe und führen dabei viele Bewegungen aus, ohne dabei die Wiederholungen als monoton wahrzunehmen. Aufgaben und Schwierigkeitsgrade lassen sich an die individuellen Fähigkeiten und den Entwicklungsstand anpassen.
Damit verbindet die Anwendung zentrale Prinzipien des motorischen Lernens wie aktive Bewegung, hohe Wiederholungszahlen, Aufgabenorientierung, Motivation und individuelle Dosierung.
Die klassische Therapie bleibt trotzdem unverzichtbar. Die persönliche Beziehung zum Kind, die therapeutische Beobachtung, taktiles Feedback, der Blick auf die Bewegungsqualität und die reale Umgebung mit ihren sensorischen Reizen lassen sich durch VR nicht ersetzen. Für uns ist VR deshalb kein Ersatz für klassischen Therapie, sondern ein zusätzliches Instrument, das Therapeutinnen und Therapeuten gezielt einsetzen können.
Die compliag AG findet ihr in Halle B3 EG Stand B18. Weitere Infos gibt es in den Kurzvorträgen „Virtuelle Realität in der Gangrehabilitation von Kindern und Jugendlichen“ am 6. November von 13:30 - 13:55 Uhr sowie am 7. November von 13:30 - 13:55 Uhr im Forum HAMBURG.